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Archive for März, 2010

Erholung beim Zahnarztbesuch

Sonntag, März 28th, 2010

Alle Jahre wieder steht der Besuch beim Onkel Zahnarzt an. In Amerika läuft das ein bisschen anders ab als in der Schweiz – wie ich am eigenen Leib erfuhr. Im Wartezimmer hingen vier TV-Geräte, welche Nachrichten, Sport und Talkshows übertrugen. Als erstes reichte mir das Fräulein einen Laptop, wo ich mich registrierte und etwa 15 Seiten an Fragen zu meinem Gesundheitszustand beantwortete. Nicht zu vergessen eine Handvoll Unterschriften zu allen möglichen Bedingungen. Das wurde alles in den Computer übertragen, und ich war „good to go“.

Ich wurde in die hinteren Räume geleitet, wo der Assistent neue Röntgenbilder und Fotos von meinem Gebiss machte. Diese wurden von der Chefin vom Dienst am Monitor im Detail untersucht. Danach wurden meine Beisserchen herausgeputzt, und ich war entlassen.

Meine neu adoptierte Zahnärztin meinte aber, dass man bei den Weisheitszähnen die Versiegelung erneuern sollte. Ich vereinbarte in der folgenden Woche einen neuen Termin.

Ich machte es mir auf dem Zahnarztstuhl gemütlich. Ob ich eine Massage wolle, fragte es von hinten. Ich bejahte verdutzt, und schon stapfte es sanft in meinem Rücken – der Stuhl hatte eine eingebaute Massagefunktion!

Der Assistent legte rhythmische portugiesische Musik am Computer auf, und ich konnte am Monitor die Titelliste live verfolgen. Das war der angenehme Part, es fühlte sich fast an wie die Einstimmung auf Erholung in einem Spa.

Das hohe Surren der Bohrmaschine holte mich aber rasch in die Realität zurück und trübte die Idylle. Nach einer guten Stunde war der Spuk vorbei. Der Schaden belief sich 2000 Dollar und ein paar Zerquetschte – endlich mal ein Stundenlohn, der sich sehen lassen kann!

Auf der Strasse und ohne Dach über dem Kopf

Sonntag, März 21st, 2010

Der Weg zum Ausgang des Fast Food Lokals ist versperrt, von einem Mann, der gerade im Müll nach etwas Ess- oder Trinkbarem sucht. Strahlend bringt er einen halb leeren Pappbecher ans Tageslicht, leert diesen in einem Zug und lässt uns passieren. Niemand der Umstehenden nimmt Notiz davon, und er widmet sich wieder dem Inhalt des Abfalleimers.

Solche Szenen gehören zum Stadtbild, wer durch die Strassen von New York läuft wird regelmässig um Kleingeld angebettelt. Des Nachts schlafen die Penner auf Kartonschachteln gebettet am Strassenrand oder neben einem Hauseingang. Wer Glück hat, findet einen Platz und eine warme Mahlzeit im Obdachlosenheim.

Über 39 000 Menschen in New York haben keine feste Unterkunft! Junge, Alte, Männer, Frauen, Kinder, Familien. Was sie besitzen wird oft in einem Einkaufswagen mitgeschoben, Plastiksäcke mit allerlei Dingen türmen sich darin auf.

Die ledrige Haut ist gebräunt von Sonne und Dreck, Duschen ist einmal die Woche angesagt. Wer die öffentliche Bibliothek besucht, trifft dort einige der „Homeless“ an – am Zeitungslesen, in der Ecke ein Nickerchen am machen oder auf der Suche nach einem Gelegenheitsjob im Internet. Viele dieser Menschen am Rande der Gesellschaft werden auf der Strasse bleiben, sich von einem Tag zum nächsten durchmogeln.

Das ist die andere Seite des amerikanischen Traums, die man gerne aus dem Sichtfeld verbannt. Träume platzen, Existenzen scheitern, Behörden versagen. Das soziale Auffangnetz ist hier mit groben Maschen gewoben und fängt lange nicht jeden auf. http://www.coalitionforthehomeless.org hilft dort, wo es am nötigsten ist.

Interview mit Beate Chelette: “Ich wollte etwas durchziehen, was andere sich nur in ihren Träumen vorstellen. Und ich tat es!”

Dienstag, März 16th, 2010

Reto Stuber interviewt Persönlichkeiten aus Deutschland, die den Weg nach Amerika gemacht haben.
Heute im Interview: Beate Chelette, Chefin von Photography Business Secrets.

Beate, stell Dich am besten zunächst kurz vor.

Mein Name ist Beate Chelette und ich lebe in Los Angeles. Vor über zwanzig Jahren, genauer gesagt am 2. April 1989, bin ich von München nach Amerika ausgewandert. Zuerst wollte ich nur ein Jahr bleiben aber dann hat es mir so gut gefallen, dass ich nicht mehr zurück wollte. Ich bin Mitte vierzig, allein erziehende Mutter und Unternehmerin. Seit 1993 bin ich selbstständig tätig und arbeite in der Fotoindustrie.

Wie ist in Dir der Entschluss gereift, in die USA zu gehen? Was waren die Gründe, was der Auslöser?

Mit 23 war ich bereits Bildredakteurin bei der deutschen Elle. Damals habe ich habe mir die Frage gestellt – was kommt als Nächstes?

Ich konnte mir nicht vorstellen bereits mit 23 zu wissen, was ich für den Rest meines Lebens machen werde. Eines wusste ich ganz bestimmt, ich wollte nicht im gleichen Job für die nächsten 40 Jahre bleiben. Ich wollte etwas Spannendes machen, ein Abenteuer erleben, etwas tun, was man sich eben so ausdenkt, aber dann nie den Mut hat es zu machen.

Dann dachte ich: “Ich gehe nach Amerika”. Als dieser Entschluss gefallen war, habe ich meine Sachen gepackt, meine Wohnung untervermietet und bin gerade mal sechs Wochen später kurzerhand ausgewandert.

Artikelbild Beate Chelette 1

Beate Chelette mit Jack Canfield

Hattest Du vorher schon Erfahrungen mit den USA sammeln können?

Ich hatte die USA zweimal vorher besucht. Den ersten Trip habe ich alleine unternommen – mit einem Stand-by Ticket, das mir erlaubte in 5 verschiedene Städte zu fliegen.

So bin ich nach New York, Los Angeles, San Francisco, Fayettville (da lebte meine Cousine) und Las Vegas geflogen. Der zweite Trip war mit einer guten Freundin nach Los Angeles, Miami und Key West. Ich habe dieses Land von Beginn weg geliebt.

Wie reagierte Dein Umfeld in Deutschland auf diese Idee?

Glücklicherweise war mein Vater mein größter Fan. Er bat mich, keinen überstürzten Entscheid zu treffen, bis er in München sei und wir gesprochen haben. Zwei Tage später war er da. Nachdem wir das alles durchgekaut hatten, sagte er: “Du bist wahnsinnig so einen Job aufzugeben, andere Leute würden sich die Finger lecken so was zu machen. Aber, ich verstehe Dich – geh! Meine Freunde waren sehr motivierend. Der Rest meiner Familie dachte, es sei wieder einmal eine meiner verrückten Ideen.

Beate Chelette in Gesellschaft

Beate Chelette in Gesellschaft

Hast Du jetzt noch Verbindungen in Deine alte Heimat? Bist Du vielleicht sogar noch öfter dort?

Bis mein Vater vor sechs Jahren von uns gegangen ist, war ich jedes Jahr in Deutschland. Mittlerweile fliege ich so alle zwei Jahre hin. Meine Schwester und mein Bruder, beide mit zwei Kindern, und meine Mutter leben alle in der Umgebung von München. Freunde habe ich immer noch, glücklicherweise wird es durch LinkedIn, Facebook und Skype immer einfacher in Kontakt zu bleiben.

Du bist ja in einer Zeit ausgewandert, als die politische Welt sich sehr verändert hat, gerade auch Deutschland. Hat das in Deinem Leben eine Rolle gespielt?

Leider bekommt man in Amerika nicht so viel mit, was genau in Deutschland passiert. Politische Dinge beeinflussen meine Entscheidungen aber auch nicht.

Wie hat sich Dein Geschäft entwickelt, welche Krisen gab es, welche guten Zeiten?

Wie viel Zeit habe ich um diese Frage zu beantworten? (lacht) Ich liebe das Business, und es liebt mich. Das klingt so einfach und ist es heute auch für mich.

2006 habe ich mein Unternehmen, dass sich mit Foto Lizenzen und Celebrity@home Geschichten einen weltweiten Namen gemacht hatte, an Corbis für viel Geld verkauft. Corbis ist die zweitgrößte Stockphoto-Agentur der Welt und gehört Bill Gates.

Angefangen habe ich 1993 als Unternehmerin, als ich Beate Works gegründet habe. Innerhalb kurzer Zeit produzierte ich für viele deutsche Kunden wie Levis, Homeboy, New Yorker, Wrangler und BMW. Ich hatte ebenfalls eine Reihe von Fotografen, die sich auch alle ganz gut machten.

Aber … Ich kann mich gut an schlechtere Zeiten erinnern. Kaum hatte ich die Firma aufgemacht kam das große Erdbeben 1994. Keiner ist mehr in den Flieger eingestiegen, um hier zu produzieren. Das war eine harte Zeit und oft habe ich gedacht es geht nicht weiter. Die Scheidung war sehr hart und ein Kind ohne Familie wirklich ganz alleine großzuziehen ist nicht einfach.

Dann ging es wieder eine Weile ganz gut, dann passierte wieder etwas. Ein gut verdienender Fotograf hat den Vertrag gekündigt, also wieder von vorne anfangen. Am schlimmsten war es, als meine Angestellte einem Fotografen etwas zu nahe kam und die beiden sich ausdachten, wie sie mir meine Firma klauen konnten. Das haben sie auch versucht und ich musste beide wegen Veruntreuung verklagen.

Kaum dachte ich, dass es mit diesem Drama vorbei war, kam der 11. September. Nun war wieder nichts mit Produktionen. So habe ich Repräsentanz und Produktion an den Nagel gehängt und habe mir etwas Neues ausgedacht.

Das Projekt war eine Stockagentur für Innenarchitektur, Architektur und „besser Leben“ Fotos und auch Celebrity@home Geschichten. Das ging sehr gut, bis mir das Geld ausging. In meiner Verzweiflung habe ich einen Brief an Präsident Bush geschickt. Als mir das White House geantwortet hat, bin ich natürlich prompt vom Stuhl gefallen. Das Weiße Haus hat mich mit der SBA (Small Business Administration) in Verbindung gebracht.

Nach meinem Meeting mit dem Deputy Director Lorenzo Flores sah ich wieder Licht am Ende des Tunnels. Mein Business Plan bekam mithilfe der SBA vier Monate später eine Finanzierung und nach einer Umstrukturierung meiner Schulden waren wir innerhalb von drei Monaten profitabel und zwei Jahre später habe ich alles verkauft.

Nach einer Pause und einem missglückten Ruhestand Versuch habe ich eine neue Firma ins Leben gerufen. Photography Business Secrets hilft weltweit Fotografen und Repräsentanten, das Business hinter der Kunst des Fotografierens zu verstehen. Wenn man es einmal gemacht hat und weiß, wie es geht, kann man es immer wieder rausholen. Das bringe ich nun anderen bei, indem ich Coaching, Consulting und Teleseminare anbiete. Ich habe Fotografen von Neuseeland bis Norwegen die meine Kurse belegen.

Beate Chelette Artikelbild 2
Wow, das ist wirklich eine amerikanische Erfolgsstory wie aus dem Bilderbuch! Wie bewertest du deine Entscheidung, auszuwandern, und dein Leben in den Staaten rückblickend? Würdest du etwas anders machen?

Bereut habe ich es nie. Den amerikanischen Traum (den ich in der Tat lebe) gibt es nur hier. Die freie Wirtschaft, die Unterstützung von neuen Ideen, die innovativen Menschen hier, das gibt es nur hier und – ich liebe es alles.

Was ich anders machen würde, ist einfach: Ich habe zu schnell geheiratet. Da hätte ich mir mal etwas mehr Zeit lassen sollen. Hier in Amerika gibt es viele Menschen, die mehr Schein als Sein sind, da muss man etwas vorsichtig sein. Ich habe das auf die harte Weise gelernt.

Wem würdest du empfehlen, auch in die USA zu gehen?

Wenn einer einen guten Kopf auf den Schultern hat und zulangen kann, kann er was aus sich machen. In den USA ist es nicht so wichtig, was Du gestern gemacht hast, sondern was Du heute machst.

Wer einen Traum hat, wer bereit ist diesen umsetzen und hart zu arbeiten, der hat hier Erfolg. Der amerikanische Traum ist machbar, aber es ist richtig viel Arbeit. Von alleine geht es nicht. Hier kümmert sich keiner um Dich, das musst Du selbst auf die Beine stellen. Das sehe ich aber als großen Vorteil, den viele können das nicht, oder geben zu früh auf.

Was sind Deine Pläne für 2010?

Meine Tochter Gina ist dieses Jahr mit der Highschool fertig und wird im Herbst aufs College gehen. Wahrscheinlich nach New York. Damit sind wir ziemlich beschäftigt und es ist auf mehreren Ebenen. Mein Photography Business Secrets Unternehmen fängt bereits an, ganz gut zu laufen. Ich habe mehrere Möglichkeiten als professionelle Sprecherin bei Veranstaltungen aufzutreten. Im Juni spreche ich zum Beispiel auf der Cepic Konferenz in Dublin.

Beate Chelette mit ihrer Tochter

Beate Chelette mit ihrer Tochter

Mein Blog http://Photosecrets.Wordpress.com ist bereits in den Top 100 weltweiten Fotografie Blogs gelistet. Im Sommer geht es nach Deutschland und Österreich in die Ferien. Ich versuche nun, eine gute Balance im Leben zu finden. Ich will ein bisschen mehr Spaß haben und Sachen machen, die für mich wichtig sind.

Beate, vielen Dank für das Interview – und weiterhin viel Erfolg!

Interview mit Katja Schröder: “Nachdem ich in China war, kam mir New York nicht mehr ganz so schnell vor.”

Mittwoch, März 10th, 2010

Reto Stuber interviewt Persönlichkeiten aus Deutschland, die den Weg nach Amerika gemacht haben.
Heute im Interview: Katja Schröder, Inhaberin der Agentur Expedition PR.

Stell Dich am besten zunächst kurz vor, wer Du bist, was Du machst, woher Du kommst, wo Du jetzt wohnst, eventuell wie alt Du bist.

Ich heiße Katja Schröder und bin 1998 von Berlin nach New York gezogen. Ich  arbeite als Public Relations (PR) Beraterin. Vor kurzem habe ich den Sprung in die Selbstständigkeit gemacht und meine eigene PR Agentur Expedition PR gegründet. Meine Expertise ist internationale PR für High Tech Unternehmen, mit einem Fokus auf Green IT/Sustainability. Ich wohne mit meinem Mann und meiner 3-jährigen Tochter in Brooklyn, einen Katzensprung von Manhattan entfernt.

Katja Schröder

Katja Schröder

Wie ist in Dir der Entschluss gereift, in die USA zu gehen? Was waren die Gründe, was der Auslöser?

1995 bin ich zum ersten Mal für eine Woche nach New York gekommen. Ich hatte genau eine Woche Urlaub zwischen dem Abschluss meines Kommunikation Studiums in Paris und dem weiter studieren in Berlin. Die Energie der Stadt hat mich sofort begeistert. In einer Woche habe ich so viel Neues gesehen, wie ich damals in einem ganzen Jahr in Deutschland nicht erleben konnte.

New York ist einfach viel internationaler. Da New York ein Zentrum für internationale Medien und PR-Arbeit ist, fasste ich damals den Entschluss hierhin zu ziehen. Ich habe den Entschluss nie bereut. Ich war zwischendurch zwei Jahre in China, danach kam mir New York nicht mehr ganz so schnell vor, aber ich mag es nach wir vor.

Katja Schröder bei einem Ausflug mit ihrer Familie

Katja Schröder's Familie

Hattest Du vorher schon Erfahrungen mit den USA sammeln können?

Nein, nicht vor meinem ersten Besuch. Nachdem ich Feuer gefangen hatte, absolvierte ich 1997 ein Praktikum beim German Information Center in New York. Das war kurz vor meinem Magisterabschluss an der FU Berlin. Es war ein tolles Praktikum und hat mich in meinem Entschluss bestätigt.

Wie reagierte Dein Umfeld in Deutschland auf diese Idee?

Meine Familie war erst nicht begeistert, dass ich so weit weg zog, aber sie haben mich alle unterstützt. Wir telefonieren und besuchen uns regelmäßig. Wir haben seit letztem Jahr jedes Wochenende Familienkonferenz auf Skype. Meine Freunde waren in der Regel alle begeistert.

Hast Du jetzt noch Verbindungen in Deine alte Heimat, bist Du vielleicht sogar noch öfter dort?

Meine Familie, Verwandten und viele Freunde wohnen noch in Deutschland. Ich versuche mindestens 1-2 Mal im Jahr nach Deutschland zu fliegen. Das wurde umso wichtiger nach der Geburt unsere Tochter, damit sie Zeit mit meiner Familie verbringen kann und auch die Sprache lernt.

Katja Schröder - Coney Island

Katja Schröder mit Tochter in Coney Island

Was hat Dir geholfen, Dich in New York einzuleben?

Ich bin am Anfang stundenlang durch die Stadt gelaufen, um alle Viertel zu erkunden. Ich habe durch meine Arbeit und manchmal auch ein bisschen Glück, meinen Freundeskreis hier aufgebaut. Hilfreich waren auch die Veranstaltungen von deutsch-amerikanischen Einrichtungen wie z.B. der Handelskammer oder dem Konsulat. Ich gehe nach wie vor noch zu ihren Empfängen. Am Anfang war es mehr zum Leute kennenlernen, jetzt ist es mehr um auf dem Laufenden zur deutschen Politik und Kultur zu bleiben.

Dein Mann ist Amerikaner, wie habt Ihr euch kennen gelernt?

Wir haben uns im Sommer 2001 in New York durch gemeinsame Freunde kennen gelernt. Das war kurz vor meinem beruflichen Aufenthalt in China (Dezember 2001-2003). In 2005 haben wir uns dann wieder auf einer Abschiedsparty von einer gemeinsamen Freundin getroffen.

"Bear Mountain" 2009

Die Familie am "Bear Mountain" im 2009

Hat das Erlangen der Greencard bei Euren Hochzeitsplänen eine Rolle gespielt?

Nein, die Hochtzeitspläne waren ganz unabhängig von der Greencard. Zum Zeitpunkt des Greencard-Interviews war schon unsere Tochter unterwegs. Rückblickend macht die Greencard das Leben in den USA schon einfacher, insbesondere bei der Einreise. Die Schlange ist kürzer.

Was hast Du für Deine Zukunft  in 2010 geplant?

Beruflich bin ich dabei meine PR-Firma weiter aufzubauen. Privat suchen wir eine Schule für unsere Tochter. Sie kommt im nächsten Jahr in den Kindergarten, was in Deutschland die Vorschule ist. Da mein Mann chinesisch und ich deutsch spreche, würden wir unsere Tochter gerne mehrsprachig aufziehen – am liebsten in einer chinesisch-amerikanischen Schule. Das ist auch in einer Stadt mit tausend Möglichkeiten wie New York leider nicht so einfach.

Katja, vielen Dank für dieses Interview!

Interview mit Irmgard Lafrentz: „Als Deutsche bist Du in den USA hoch angesehen!“

Freitag, März 5th, 2010

Reto Stuber interviewt Persönlichkeiten aus Deutschland, die den Weg nach Amerika gemacht haben.
Heute im Interview: Irmgard Lafrentz, CEO von Globalpress Connection Inc.

Hallo Irmgard, stell Dich am besten kurz vor.

Meine Name ist Irmgard Lafrentz, geboren wurde ich 1951 in der kleinen Stadt Bad Schwartau in Schleswig Holstein. Ich lebe seit genau 25 Jahren in Los Altos, im Herzen des Silicon Valley, circa 60 km südlich von San Francisco. Ich bin hier Inhaberin einer internationalen PR-Agentur, der Globalpress Connection Inc.

Asiapress Group: Asiatische Redakteure wurden von mir eine Woche betreut

Asiapress Group: Asiatische Redakteure wurden von Irmgard eine Woche lang betreut

Wie ist in Dir der Entschluss gereift, in die USA zu gehen? Was waren die Gründe, was der Auslöser?

Meine berufliche Laufbahn begann 1972 in München bei der Firma Rodenstock. Durch meinen damaligen Arbeitgeber hatte ich die Möglichkeit, für 2 Monate bei einem Vertriebspartner in New York ein Praktikum zu absolvieren. Ich war sofort begeistert von der amerikanischen Arbeitsweise.

Wieder zurück in Deutschland lernte ich über die Arbeit dann meinen Mann kennen. Er ist Amerikaner und kam damals aus Silicon Valley nach Deutschland, um Optiken zu kaufen. Damit kam auch die Wende in meinem Leben. Wir haben dann 1984 bei meiner Familie in der Nähe von Lübeck geheiratet und sind im selben Jahr nach Kalifornien gegangen.

Als active Rotarierin verbrachte ich mit Cindy aus Florida etliche Zeit in Birmingham, UK auf der Rotary International Convention 2009

Als aktive Rotarierin verbrachte Irmgard mit Cindy aus Florida etliche Zeit in Birmingham, UK auf der Rotary International Convention 2009

Hattest Du vorher schon Erfahrungen mit den USA sammeln können?

Neben dem Praktikum in New York habe ich in den 70gern einige Male Reisen mit dem Greyhound Bus und als Tramperin gemacht. Das alles hatte bei mir dann endgültig für amerikanisches Fernweh gesorgt.

Wie reagierte Dein Umfeld in Deutschland auf diese Idee?

Interessante Frage. Ich muss gestehen, dass es damals kaum jemanden gab, der mir Zuspruch gab. Bei Rodenstock dachten alle, ich sei verrückt mit 33 Jahren einen praktisch fremden Mann zu heiraten und meine Unabhängigkeit aufzugeben. So dachte man damals, und auch für meine Familie war es ein Schock.

Hatte man doch schon aufgegeben, mich als Ehefrau zu sehen und dann noch mit einem Ami … unglaublich. Einige meiner Verwandten sagten mir am Abend vor dem Polterabend ins Gesicht, dass der Bräutigam wahrscheinlich gar nicht kommen werde. Wie in einem schlechten Kitschfilm.

Hast Du jetzt noch Verbindungen in Deine alte Heimat? Bist Du vielleicht sogar noch öfter dort?

Ich habe eine sehr enge Verbindung in die Heimat und bin mindestens ein bis zwei Mal im Jahr in Deutschland. Ich brauche meinen „Deutschland-Fix“ mindestens alle 12 Monate und bin dann in Lübeck oder München, und manchmal auch in beiden Städten. 2009 habe ich mir 2 ganze Monate gegönnt und habe ein „Probeleben“ in Potsdam gemacht. Ich wollte mir dort eine Wohnung kaufen, sehe aber nun davon ab. Ich passe nicht mehr nach Deutschland. Ich werde aber versuchen, regelmäßig im Rahmen meiner Arbeit in Deutschland zu sein, wie zum Beispiel an der electronica-Messe in München.

Hier im Silicon Valley war es für mich eindeutig von Vorteil, deutsch zu sein. Deutsche sind hier meines Erachtens hoch angesehen bezüglich Verlässlichkeit, Arbeitseifer und so weiter. Ich musste aber meine sehr direkte Art etwas modifizieren und dem amerikanischen Gebaren anpassen.

Mit was für Problemen hattest Du zu kämpfen?

Das Einleben in Amerika war sehr schwer für mich, darüber könnte ich einen Roman schreiben. Ich war es nicht gewohnt, meine Gefühle auszudrücken, wollte meinen jungen Ehemann nicht verstören und er hatte keine Ahnung, was in mir vor sich ging.

Nach einem Monat am Swimming Pool brach die Langeweile aus. Dann kam die Erkenntnis, dass ich finanziell plötzlich abhängig war. Das schlug ein wie eine Bombe, und ich suchte nach Verbindungen im Marketing Umfeld. Das gelang dann durch Organisationen wie PRSA Public Relations Association of America, wo ich dann Leute kennen lernte, die mich gleich mochten und mir halfen.

Zunächst bewarb ich mich bei Firmen wie Cisco, Sun und HP – die wussten aber damals kaum, wo Europa auf der Landkarte war. Nach 6 Monaten erfolgloser Jobsuche machte ich mich dann als Beraterin selbstständig. Ich hatte große Hilfe von Freunden, um mein eigenes Portfolio zusammenzustellen. Rodenstock war hier natürlich völlig unbekannt und somit hatte ich keinerlei „Track Record“. Die ersten 2 Jahre waren ziemlich einsam. E-Mail, Internet, das gab es damals noch nicht. Eine Telefonminute nach Deutschland kostete damals ungefähr drei Mark fünfzig.

Farbenpraechtige Rotarier aus Korea

Farbenprächtige Rotarier aus Korea

Was gefällt Dir an den USA besser?

Ich habe die US Staatsbürgerschaft nicht mal 2 Jahre und fühlte mich immer mehr als Deutsche als Amerikanerin. Seit meinen 2 Monaten in Deutschland letztes Jahr hat sich das total geändert und ich fühle mich nirgends wirklich mehr zu Hause. Two Passports – no Home, sozusagen.

Auf der anderen Seite konnte ich in den USA viel erreichen – besonders beruflich und finanziell. Ich habe ein wunderschönes Haus, fahre einen schicken Audi und kann mir Dinge leisten, die ich in Deutschland vermutlich nie erreicht hätte.

War es schwer, Fuß zu fassen? Was hat Dir geholfen, Dich zurechtzufinden?

Sich hier selbstständig zu machen ist sicherlich nicht leicht, aber wer kreative Ideen hat, kann diese auch gut verwirklichen. Aber ich habe auch Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Nach 12 Jahren Ehe fand ich mich als alleinerziehende, arbeitende Mutter und Geschäftsfrau wieder. Mein Traummann hatte festgestellt, dass er lieber mit einem Mann leben wollte. Mein Sohn war damals zehn.

Ich habe aber nie in Erwägung gezogen, wieder nach Deutschland zurückzugehen. Die Rezessionen, die ich über die letzten Jahre mitgemacht habe, waren auch nicht witzig. Ich habe meine Firma Globalpress Connection dadurch verkleinern müssen. Wir sind aber nach wie vor die Einzigen in unserer Marktnische. Wir bieten Technologieunternehmen die Möglichkeit, vor ausgewählten und hochkalibrigen Journalisten ihr Unternehmen zu positionieren.

Wie stellst Du Dir deine Zukunft vor? Möchtest du dort bleiben, wo du jetzt bist?

Schwere Frage. Ich arbeite an einer Exit Strategy und würde gern meine Firma verkaufen oder an jemanden übergeben. Mein Sohn ist 23, arbeitet in der Filmbranche und wird seinen Weg machen. Ich bin also wieder frei, unabhängig, fit und fast 60.
Ich möchte mehr reisen und Zeit haben, Dinge zu machen, die mir wichtig sind. Ich bin aktive Rotarierin und würde auch dort gerne mehr machen. Doch als Inhaberin von Globalpress lässt sich nicht genug Zeit für Spaß und Engagement bei Rotary freischaufeln.

Mein Sohn Daniel (23) und ich genießen in Potsdam ein schönes Bier

Irmgard mit Ihrem Sohn Daniel (23) in Potsdam beim Bier.

Irmgard, vielen Dank für dieses interessante Interview!